7. Von Versailles bis zur Teilung Indiens, 1919 – 1947 (III):

4) Die Verwandlung der britischen Welt:

1: Die Royal Navy war über Jahrhunderte ein Liebling der britischen Machthaber. 1889 hatte das Unterhaus beschlossen – um daran erneut zu erinnern -, dass sie zwingend so stark sein soll, wie die zweit- und dritt-größte Navy der Welt zusammen. Im Washingtoner Flottenabkommen aus dem Jahre 1922 – weniger als ein Vierteljahrhundert später – wurden die Relationen auf 5 Staaten proportional so angewendet: GB (5), USA (5), Japan (3), Frankreich (1,75), Italien (1,75). Der alleinige Überflieger-Status des UK war dahin.

2: Von noch höherer strategischer Bedeutung für GB war aber, dass sich der potentielle Bündnispartner zaristisches Rußland sukzessive zur UdSSR umgestaltete. Diese Union hatte zu Beginn eine Bevölkerung nicht weit unterhalb von 150 Mio, d.h. das abgewandelte obige Navy-Kriterium umgepolt auf Bevölkerungszahlen wurde locker eingehalten: Platz 2 belegte jetzt das Deutsche Reich (62-63 Mio.), Platz 3 hatte das UK (rund 45 Mio.) inne (ohne Kolonien). Auch der Einfluß der SU auf den antikolonialistischen Kampf, darunter dem im Britischen Empire, ist nicht zu unterschätzen.

3: Die Geschichte Irlands durchlief in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts reichlich eigene Metamorphosen, die einige in ein antikolonialistisches Paradigma einkleiden. 1. 1914 begann es damit, dass die zugestandene begrenzte Selbstverwaltung wegen des WW1 verschoben wird. 2. Im Osteraufstand 1916 wird ein bewaffneter Aufstand gewagt und die Republik ausgerufen, die Briten schlagen ihn brutal nieder und richten die Anführer hin. 3. Die IRA-Untergrundarmee führt einen erbarmungslosen Guerillakrieg gegen die britischen Besatzungstruppen (1919-1921). 4. Der Anglo-Irische Vertrag 1921 enthält einen Friedensschluß mit GB, aber das Land wird geteilt in den Irischen Freistaat (katholisch) und Nordirland (protestantisch). Das führt zum irischen Bürgerkrieg zwischen den Befürwortern und den Ablehnern des Vertrags – die ersteren setzten sich durch. 5. 1937 bekommt das Land eine neue Verfassung, die Verbindungen zur britischen Krone werden fast vollständig gekappt. 6. In WW2 bleibt Irland strikt neutral (im Gegensatz zu Nordirland, das als Teil des UK am Krieg teilnimmt). 7. Mit dem Republic of Ireland Act 1949 verläßt das Land offiziell den Commonwealth und wird eine vollständig souveräne Republik.

4: Das Beispiel des Irak: 1. Durch das vorgenannte (geheime) Sykes-Picot-Abkommen (1916) fiel der Irak unter das „Mandat“ der Briten. Britische Politik war in der Kolonialpolitik generell, dass das UK der primäre, Frankreich immerhin – mit gewissem Abstand – als der sekundäre Profiteur abschnitt. So war es auch in diesem Fall. 2. Es ging den Kolonialisten nicht darum, dauerhaft lebensfähige politische Einheiten zu generieren – viel interessanter für die Kolonialmächte war das genaue Gegenteil. Im Falle des Irak zerfiel das Land in den schiitischen Süden, das sunnitische Zentrum und den kurdischen Norden. Auf der Klaviatur dieser binnen-staatlichen Widersprüche wird bis heute gespielt. 3. 1920 überschlugen sich die Ereignisse: Auf der Konferenz von Sanremo (Italien) beschlossen die Kolonialherren, wie der Nahe Osten, darunter der Irak, konkret unter sie aufzuteilen sei. Die versprochene Unabhängigkeit erwies sich als Extrem-Lüge. Schiiten wie Sunniten schlossen sich zusammen und es kam zu einem bedeutenden Aufstand. Er überraschte die Briten völlig. Fast der gesamte Euphrat-Raum geriet außer Kontrolle. GB musste über 100.000 Soldaten (viele davon aus Britisch-Indien) herbeischaffen. Unter der Leitung von General Haldane und dem damaligen Kriegsminister Winston Churchill wurde der Aufstand bis zum Herbst 1920 mit brutaler Härte niedergeschlagen – unter anderem durch die neugegründete (1.4.18) Royal Air Force (RAF), die Dörfer systematisch aus der Luft bombardierte und Gasgranaten einsetzte. 4. Kurz-Exkurs zu Giftgas und Flächenbombardements aus der Luft: 01 Das Deutsche Heer begann die Geschichte des Giftgaseinsatzes 1915 (Ypern). Dazu mußte man zwingend stabile und günstige Windverhältnisse Richtung Feind abwarten, was dauern konnte; hätte der Wind sich unerwartet in die Gegenrichtung gedreht, hätte man sich selbst vergast. In kürzester Zeit statteten sich weitere Mächte mit Giftgasvorräten aus. 02 Churchill´s Rolle war maximal perfide: 1915 bedrängte er vergeblich das britische Kabinett, Giftgas auf der türkischen Halbinsel Gallipolli einzusetzen (die Osmanische Seite siegte hier vollständig – beide Seiten hatten jeweils eine Viertel Million Tote zu beklagen). 1919 gab er ein Memorandum heraus (12.5.19), in dem es u.a. hieß: „Ich verstehe diese Zimperlichkeit bezüglich des Einsatzes von Gas nicht… Ich bin sehr für den Einsatz von Giftgas gegen unzivilisierte Stämme.“ Im selben Jahr gab er persönlich im Spätsommer 19 (inzwischen als Kriegsminister) den Befehl, 50 000 Giftgasgranaten (mit dem Erstickungsgas Adamsit) per Flugzeug auf von den Bolschewiki kontrollierte Dörfer in Nord-Rußland abzuwerfen. 1920 komplettierten die Briten ihr militärisches Methodenspektrum durch den Einsatz von Flächenbombardements aus der Luft (z.B. im Irak), die in 45 Minuten ganze Dörfer ausradieren konnten. 5. Es ist mir nicht bekannt, dass der „Völkerbund“ diesem Treiben irgendetwas entgegengesetzt hätte – im Gegenteil: Späterhin wurden die Briten als Mandatsmacht für den Irak offiziell bestätigt.

(29.7.26)


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