7. Von Versailles bis zur Teilung Indiens, 1919 – 1947 (I): 98-108:

1) „Traditionelle Kolonialismusformen“, die revolutionäre Welle und das neue kolonialistische „Mandatssystem“:

1: Das geheime Sykes-Picot-Abkommen (5/1916): Sykes und Picot waren britische bzw. französische hochrangige Diplomaten. Der 3. Signatarstaat war Rußland. Die USA waren nicht eingeweiht. Das Osmanische Reich ging zu diesem Zeitpunkt der zu erwartenden Niederlage entgegen. Das Abkommen regelte die Aufteilung des Osmanischen Reichs (oft per Linealstrich), also gewissermaßen des Nahen Ostens, unter die 3 Signatarstaaten. Die arabische Seite wurde entgegen den Versprechungen unter Briten wie Franzosen aufgeteilt, der russischen Seite wurden (u.a.) Konstantinopel (Istanbul) sowie die Dardanellen und der Bosporus zugesprochen.

2: Lenin: Rede über den Frieden (26.10. bzw. 8.11.1917): 1. Diese Rede und ein anschließendes Schlußwort fanden wenige Stunden nach der erfolgreichen Revolution im Rahmen des 2. Gesamtrussischen Sowjetkongresses statt (Lenin-Werke [-> LW], Band 26, S. 239-247). Zusammenfassung des Hauptinhalts:

1. Die russische Seite schlägt allen Völkern und ihren Regierungen vor, sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden aufzunehmen, worunter ein Frieden ohne Annexionen und ohne Kontributionen verstanden wird – und zwar unabhängig davon, ob diese Nation in Europa oder in fernen, überseeischen Ländern lebt (Selbstbestimmungsrecht der Völker) – und zwar im Rahmen einer (zuerst) dreimonatigen Friedensfrist.

2. Sie zeigt dabei ein hohes Maß an Flexibilität: Auch Friedensvorschläge mit inhaltlich geringerem Volumen oder mit kürzeren Verhandlungsfristen werden erörtert werden – vor dem Hintergrund, dass eine Fortsetzung des Krieges das größte Verbrechen an der Menschheit wäre.

3. Sie wendet sich dabei insbesondere an die klassenbewußten Arbeiter der 3 fortgeschrittensten Nationen der Menschheit und der größten am gegenwärtigen Krieg beteiligten Staaten: Englands, Frankreichs und Deutschlands.

4. Die russische Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab und wird die Verhandlungen völlig offen führen und wird unverzüglich darangehen, alle Geheimverträge zu veröffentlichen. Am 23.11.17 folgte die Veröffentlichung des Sykes-Picot-Abkommens. Sie schlug wie eine Bombe ein, deren Wirkung – besonders bei den unmittelbaren Opfern – bis heute nicht verpufft ist.-

Obige Zusammenhänge (unter 2:) wurden bei Stuchtey leider auf weniger als eine Zeile geschrumpft.

3: 3 schwer vereinbare britische kolonialistische Ansätze, die bis heute negativ nachwirken: 1. Der britische Außenminister Balfour verfasste am 2.11.17 die „Balfour-Deklaration„, in der er den Zionisten Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina versprach. 2. Im Sykes-Picot-Abkommen stand noch drinne, dass Palästina unter eine internationale Verwaltung gestellt werden soll. 3. Gleichzeitig hatten die Briten den Arabern (über die Hussein-McMahon-Korrespondenz) Hoffnungen auf einen großen, unabhängigen arabischen Staat gemacht, der Palästina einschloss.- Hier „verkauften“ die britischen Kolonialisten mitunter quasi ein und dasselbe Territorium an 3 Adressaten.

4: Jan Smuts (1870-1950) gilt als der Ausdenker des kolonialistischen „Mandatssystems“ und muß daher kurz vorgestellt werden: 1. Er wurde in eine wohlhabende, afrikaanssprachige Bauernfamilie in der britischen Kapkolonie geboren. Die Sprache Afrikaans ist eine Abspaltung vor Jahrhunderten vom Niederländischen. Längere Zeit war der Feind das Britische Empire, das insbesondere nach hochwertvollen Rohstofffunden die Kontrolle über ganz Südafrika erringen wollte. Darum ging es etwa im 2. Burenkrieg (1899-1902). Nach der burischen Niederlage mutierte er für den Rest seines Lebens zu einem besonders innigen Gefolgsmann des britischen Empire. 1917 berief ihn der britische Premierminister David Lloyd George in das kriegswichtige britische Kriegskabinett nach London. Durch seine südafrikanisch-britische Doppelidentität wurde er nicht so wahrgenommen wie ein gewöhnlicher Londoner Spitzenpolitiker. Seine Ideologie war kurzgesagt (in Stichworten): Er war weißer Rassist – mit der abendländisch-christlichen Welt ganz oben in der Hierarchie, die schwarze Mehrheit brauchte paternalistisch-kindliche „Behütung“ durch die Weißen, Gleichberechtigung oder allgemeines Wahlrecht lehnte er kategorisch ab. Insofern war er dafür prädestiniert, mit seinen Vorschlägen Ende 1918 mit seinem Mandatssystemmodell mit den Kategorien A, B und C auf offene hochimperialistische Ohren zu stoßen; sie wurden beim Völkerbund integriert: A: Angeblich „kurz vor der Unabhängigkeit“ – wie z.B. Palästina, Irak oder Syrien u.a. Die Probleme sind bis heute nicht gelöst. B: Vollständige koloniale Verwaltung durch die Kolonialmacht, z.B. Kamerun, Togo u.a. Sie werden bestimmten kolonialen Auflagen unterworfen. C: Es ermöglichte, dass periphere Mächte wie Südafrika (oder Neuseeland) in ihrer Region Gebiete, die zuvor etwa unter deutschem kolonialistischem Regime gestanden hatten, wie z.B. Deutsch-Südwest-Afrika, einfach (demokratielos) annektieren konnten.

5: Welche Rolle hat Woodrow Wilson (1856-1924), der US-Präsident von 1913 bis 1921 war, in diesem Szenario gespielt:

1. Da mit seiner Darstellung bis heute ein unglaubliches Schindluder betrieben wird, müssen wir auch hier etwas genauer hingucken.

2. Er wurde geboren in Virginia (USA), aufgewachsen in den von Rassismus geprägten Südstaaten während des Bürgerkriegs, wo er eine dementsprechende pro-Südstaaten-rassistische Prägung erhielt, die er in seinem Leben durchgängig, auch als Präsident der USA, offensiv umzusetzen versuchte.

3. Er hatte eine mehrschichtige Verbindung zur Princeton-Elite-Uni, 1875+ als Student, 1890+ als Professor (Recht und Politische Ökonomie), 1902-1909 als Universitätspräsident. Rassismus war in Princeton lange Zeit Normalzustand.

4. Die USA blieben von Beginn von WW1 1914 bis zu ihrem Kriegseintritt in 4/1917 (das war ungefähr einen Monat nach der Februar- bzw. März-Revolution in Rußland, was nicht als Zufall zu betrachten ist) offiziell neutral. Wilson verfolgte (zuerst) das Ziel, Amerika aus dem europäischen Konflikt herauszuhalten. In der Realität war diese „Neutralität“ jedoch von Anfang an asymmetrisch. Während die USA politisch und rechtlich neutral schienen, unterstützten sie die Entente-Mächte wirtschaftlich und finanziell massiv: Z.B. bekamen die Entente (.uk + .fr) bis 1917 2,3 Mia. $, das Deutsche Reich hingegen nur 27 Mio. $ geliehen. Diese Schlitzohrigkeits-Kultur, die sich auch schon bei der Symbiose aus unverblümtem Rassismus und demokratischen realen und Schein-Elementen zeigte, wird sich noch öfters zeigen und kann geradezu als ein Strukturmerkmal bezeichnet werden.

5. Wie sind die bekannten 14 Punkte Wilsons zu bewerten, die er in 1/1918 vor dem US-Kongreß vorstellte:

01 Sie waren von Widersprüchlichkeiten in größerer Zahl durchwebt.

02 Einige Punkten könnten als Übernahmen von Lenin erscheinen (s.u. 2:):

1: Abkehr von der Geheimdiplomatie: Das hat sich in der Realität bislang als längerfristig illusorisch herausgestellt.

2: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker taucht auf, aber in einer sonderbaren geographischen Begrenzung auf Europa. Hier zeigt sich eine strukturelle Affinität zur weißen Suprematie von Jan Smut. Wilson forderte nur eine (unbestimmte) „gerechtere Kolonialpolitik“, die aber offenbar mit den Kategorien A, B und C von Smut nicht inkompatibel war.

03 Gründung des Völkerbunds: 1: Während die Rede von Wilson (8.1.18) als das initiale Ereignis betrachtet wird, durchlief der Geburtsprozeß bis zum 15.11.20 einige Metamorphosen. 2: Versailles steht für eine andere Qualität als der Völkerbund. Im Grunde hatte sich dort die Handschrift der kolonialen Siegermächte .uk und .fr ungeschönt durchgesetzt. Beide hatten sich u.a. extrem in den USA während des WW1 verschuldet und standen unter erheblichem finanziellen Druck, und ihre Lösung war (besonders die von .fr), Deutschland radikal auszupressen. 3: Resultate: Trotz wahnsinnigen Tamtams zugunsten von Wilson (Friedensnobelpreis 1919) scheiterte er selbst in den USA mit der Annahme. Das Bolschewistische Rußland wurde natürlich nicht zugelassen. Vielmehr gab es parallel, also zu gleicher Zeit eine militärische Intervention von 14+ Staaten (zumeist Mitgliedsstaaten im Völkerbund) (ohne Kriegserklärung) im revolutionären Rußland; eine noch tiefere Diskreditierung des „Völkerbunds“ ist nur schwer vorstellbar.

6. Ein Schlußpunkt zu Wilson: Aufgrund seiner rassistischen Überzeugungen und der von ihm unterstützten Segregationspolitik entschied das Kuratorium der Universität Princeton im Jahr 2020 (!), Wilsons Namen von der geschichtsträchtigen Politik-Fakultät (Woodrow Wilson School of Public and International Affairs) und einem Studentenwohnheim zu entfernen.

(30.6.26) (3.7.26) (tbc)


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert