0) Nach dem WW1 erfuhr das Empire mit nahezu 1/4 der Landfläche der Erde (ca. die Hälfte der Fläche aller Kolonialreiche zusammen) seine größte Ausdehnung. Die (verlinkte) Karte des Britischen Empire im Jahre 1886 (vor der Expansion in Afrika) (auf einem „Höhepunkt“ der Empire-Geschichte) ist eine ungewöhnliche Annäherung, für die gilt: Ein Bild sagt oft mehr als 1000 Worte (kann aber auch viel übermalen) (https://de.wikipedia.org/wiki/Imperial_Federation#/media/Datei:Imperial_Federation,_Map_of_the_World_Showing_the_Extent_of_the_British_Empire_in_1886_(levelled).jpg). Die dort (oben) verwendeten Leitbegriffe Freiheit, Brüderlichkeit und Föderation, spielten in der Selbstinszenierung des Empire besonders im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle.
Die 9 inhaltlichen Unter-Kapitel, die jetzt nacheinander zusammengefaßt werden, kommen einfach so daher, ohne methodisch klarer begründet worden zu sein. Aus der Sicht des Autors müssen sie aber von grundlegender kapitel-übergreifender Bedeutung sein:
1) Die grundlegende Perzeption: Mit jedem Jahr wird klarer, dass es nicht ein homogenes Britisches Empire gegeben hat als vielmehr eine Vielzahl fragmentierter Formen von Kolonialismen und Imperialismen ebensosehr; das gilt auch für andere Kolonialreiche aber für das britische in besonders ausgeprägter Weise. Man müßte kolonial-übergreifende wie Fragmentations-ebenen differenziert unterscheiden und gegeneinander abwägen. Von Modellen vergangener Jahrhunderte mit zu schwacher Differenzierungskraft sollte man sich verabschieden.
2) 1776 – 1931: Das lange 19. Jahrhundert zwischen Amerikanischer Revolution (1776) und dem Statut von Westminster (1931) war die wichtigste Periode des Empire. In diesem Zeitraum vervielfachten sich die Zahlen für die Bevölkerung Englands wie Londons auf kaum vorhersehbare Weise. Königin Victoria, in deren Regierungszeit (1837 – 1901/64 Jahre) das Empire 72 Kriege führte (was als Zeitalter der „Pax“ Britannica verklärt wurde), stand an der Spitze einer imaginären hochzelebrierten Gemeinschaft: Das Empire sollte als eine große Familie gedacht werden mit einem „Mutterland“ England und den Kolonien als „Kindern“, die eines (unbestimmten) Tages in die Unabhängigkeit entlassen werden würden.
3) Strukturiertes Labyrinth? 1: Das Empire umfaßte alle Formen der Kolonisation (Kronkolonien [1], Siedlungskolonien, Dominions, Protektorate, Mandatsgebiete, Kondominien, Stützpunktkolonien, Netz von Kolonialstädten [8]). 2: Den Strang einer Dekolonisationserfahrung gab es ebensosehr spätestens seit 1776+ (USA), verstärkt natürlich seit 1945+. 3: Verbandelt mit dem „Völkerbund“ gab es noch weitere spezifische politische Konstrukte. 4: Einzigartig war schließlich die Gründung des Commonwealth, verfassungsrechtlich im Westminster-Statut anerkannt – mit einer wichtigen Metamorphose 1949: Das Präfix British entfiel und die Treue zum britischen König wurde herunterdefiniert bzw. relativiert.
4) Mit diesem Unter-Kapitel kann ich logisch gesehen wenig anfangen. Mein Alternativvorschlag (für die nächste Auflage) wäre, auf das Empire als langjähriges See-Weltreich und seine Geschichte inkl. der British Navy zu fokussieren. Dann könnte man auch den Aspekt des globalen Klein-Insel-Flickenteppichs, an dem krampfhaft festgehalten wird, integrieren (z.B. die südliche isolierte Atlantikinsel St. Helena als Zwischenstation im Falkland-Krieg 1982).
5) Kein anderes Kolonialreich der Weltgeschichte hat ein so breites Angebot an miteinander konkurrierenden Imperialismustheorien hervorgebracht wie das britische. Stichworte dazu sind: Unterschiedliche Rechtfertigungen des Kolonialismus. Zuspruch zu und Ablehnung der Sklaverei. Verortungen zwischen Freiheit und Imperium inkl. „Freihandelsimperialismus“. Der große rassistische Formenkreis – unter dem Einfluß von Darwinismus, Evolutionismus und biologistischem Rassismus sowie Zivilisierungsmission wie Sendungsbewußtsein. Vielfältig geglaubte Überlegenheit des Abendlandes („Westen“) gegenüber dem Okzident. Religiös-ideologische Vorstellungen wie aus unfruchtbarem Boden einen Garten Eden zu machen. Für viele hatte das militärisch gestraffte römische Weltreich, für andere das antik-griechische Föderationsmodell Vorbildfunktion. In summa war die eigene kulturelle Autorität allgemeingültig.
6) Die Kolonialbürokratie – mit dem Zentrum der Londoner – war eine Welt für sich – oft vom zur Schau gestellten individualistischem Snobismus geprägt: 1: Zuerst zeichneten sie sich durch Expertentum, also Detailkenntnisse zu den einzelnen Regionen des Kolonialreichs diesseits und jenseits der Metropolen aus, was sie zu einem großen Potential an Herrschaftswissen zusammenfügen konnten. 2: Lukrativ waren diese Posten eigentlich nicht, weil der britische Staat die Finanzpolitik eines möglichst kostengünstigen Kolonialismus verfolgte. 3: Trotzdem übte diese Sphäre erhebliche Anziehungskräfte aus. Zum einen sollte die gesellschaftliche Selbstbeweihräucherung nicht unterschätzt werden. Diese Leute traten in der Öffentlichkeit oft behängt mit Sternen, Medaillen, Schärpen, Hermelinroben und Kronen auf. Oft hatten sie den Karriere-Zielpunkt „House of Lords“ vor Augen – wegen „kolonialer Verdienste“ nach einer entbehrungsreichen Zeit. Sie waren auf Grund ihrer Expertise nicht einfach ersetzbar. Und: Sie waren dort nicht von parlamentarischen Wahlen abhängig.
7) Darüber hinaus konnten fast alle britischen Akteure in den Kolonien vor Ort, ob Militär, Polizei, Verwaltung, Handel, international agierende Unternehmen usf. relativ einfach – bei nur ziemlich wenigen Ausnahmen – in das koloniale britische Regime (wie fast eine Selbstverständlichkeit) eingebettet werden.
8) Die besonders kraß-negativen Folgen der kolonialen Expansion betreffen (in Stichworten): Vertreibung (1). Zwangsumsiedlung. Massenfluchten. Migration. Ausrottung. Armut. Hungersnöte (der indigenen Bevölkerungen). Auf die Bedürfnisse des Empire zugeschnittene agrarische Monokulturen. Entwaldungen. Staatliche Teilungen (Indien, Irland, Zypern) (10). 1: Simple binäre Narrative mit hegemonialem Handeln vs. subalterner Passivität müssen scharf-kritisch unter die Lupe genommen werden. 2: Globale Perspektivik: Neben das Spektrum der Sichtweisen „westlicher“ Historiker-Professoren muß das Spektrum von Historikern aus den betroffenen Regionen zur Kenntnis genommen und analysiert werden. Mehr noch: Das gilt auch für das Spektrum weiterer Länder wie China, Rußland, Iran und viele andere. 3: Das Empire war zwar nicht dauerhaft im Krisenmodus – einige seiner Kriege waren aber extrem verlustreich (wie z.B. der erste anglo-afghanische Krieg 1839-1842).
9) Der Alltag der Gouverneure und Soldaten vor Ort war nicht selten von Langeweile, Gleichförmigkeit und Routine, Aktenstudium und Zeittotschlagen bestimmt. Sie lebten überwiegend in starker gesellschaftlicher Isolation. „Going native“ kam nur sehr selten vor. George Orwell hat übrigens derartige Zustände, Einsamkeit und Entfremdung in Burmese Days (1934) beschrieben.
(26.2.26)
Schreibe einen Kommentar