1) Die Welt der Dekolonisation – mit der Welt der (Post-)Kolonien und der (Ex-)Metropolen – wies Dimensionalitäten fast ohne Ende auf. Universelle Aussagen sind nur selten und schwer zu formulieren.
2) 1945+ fanden sich die Kolonialmächte wie die Kolonien unter gravierend veränderten (spätkolonialen) Umständen wieder. 1: Frankreich versuchte die Kolonien so stark wie noch nie in die Strukturen des Mutterlandes zu integrieren. Es gewährte z.B. eine relativ hohe Bewegungsfreiheit in seinem imperialen Raum. 2: GB (wie auch NL) setzten nicht so stark auf Integration, GB gewährte aber z.B. 1948 (Nationality Act) sämtlichen Bewohnern des Empire das Recht, sich auf den britischen Inseln niederzulassen und nach einem Jahr die Bürgerrechte auszuüben. 3: Die kolonialistischen europäischen Mächte wurden in starkem Maße und mit der Zeit zunehmend auf „gewöhnlichere“ europäische Nationalstaaten zurückgestutzt. 4: Obwohl fast 40 % der Länge aller heutigen internationalen Grenzen ursprünglich von GB und Frankreich gezogen wurden, wurden diese Grenzziehungen bei einer Handvoll Ausnahmen (z.B. Indien) von den Ex-Kolonien übernommen (!). In nicht so wenigen Fällen erwiesen sich diese Grenzen als „Pulverfässer“. Föderale Lösungen oder Supra-Zusammenschlüsse fanden kaum oder keine Abnehmer. 5: Die hochfliegenden Stimmungen, die für den Moment der Dekolonisation so charakteristisch waren, haben sich oft nicht erfüllt.
3) Wie wirkten Kolonialbesitz und dessen Verlust auf die jeweiligen Metropolen ein?
1: Das Gespinst der Einflußfaktoren läßt sich auch hier nur schwer bewältigen – schon bei der Antwort auf die zuvor gestellte Frage reißt ein Spektrum von „marginal“ bis „konstitutiv“ auf.
2: Um die Thematik überhaupt operativ zu greifen, leistet eine Unterscheidung in politische (1), wirtschaftliche und migrationelle (3) Faktoren nützliche Dienste:
(1) Ein politisches Format war, dass der Dekolonisationsprozess von einem Konsens der politischen Eliten getragen war (GB/gibt es Gegenstimmen?). Ein anderes Format war, dass sich das Ende des Imperiums als Krise des metropolitanen Staates darstellte (wie in Frankreich im Schatten des Algerienkriegs 1958+ oder in Portugal („Nelkenrevolution“ 1974). Dieses Format machte gravierende Reformen bzw. eine Revolution notwendig.
(2) Wirtschaftlich gingen die Metropolen weitgehend unbeschädigt aus der Dekolonisation hervor: 1: Im Falle von Japan war das wegen der (erfolgreichen) Kohabitation mit der US-amerikanischen aufstrebenden Supermacht so. 2: Im Falle von Europa war eine Ursache die Orientierung auf den europäischen Binnenmarkt, der den sinkenden Außenhandel mit den Ex-Kolonien mehr als wettmachte. Im Jahre 1957 wurde die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) gegründet, die dazu beitrug, die kolonialistischen Proportionen zugunstern der originär europäischen sukzessive zu verringern. Auch die übergreifende europäische Agrarpolitik war in diesem Kontext von Bedeutung. Dieses binnen-europäische Konzept war so wirkungsmächtig, dass GB 1961 (auf dem Höhepunkt der afrikanischen Dekolonisation) den ersten Beitrittsantrag abschickte (1973 wurden sie aufgenommen, 2016/2020 traten sie wieder aus).
(3) Die Migrationsbewegungen machten nach 1945 Westeuropa von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungs-kontinent– an dieser Stelle liegt der Fokus auf der Dekolonisationsmigration: 1: Ein Großteil fand außerhalb Europas statt (an diversen globalen Konfliktherden), für Westeuropa wird der „Zufluß“ auf 5-8 Millionen geschätzt. Größere Wellen bildeten die Algerienfranzosen, die retornados, die 1974/75 aus Afrika nach Portugal kamen sowie die Migranten aus Indonesien und Karibik via NL. 2: Der Anteil der kolonialen Arbeitsmigration war in Frankreich und GB hoch (wo er ab 196x begrenzt wurde), in Belgien und Japan gering. Mitunter gab es aber auch „Fluß“ in die Gegenrichtung.
4) Die Welt der Erinnerungskulturen: 1: Geteilte Erinnerungen: Dispute gibt es hier naturgemäß zwischen den Ex-Kolonien und den Ex-Metropolen, wobei durch das postkoloniale nation-building der Vorgang weiter aufgesplittet wird. Hinzukommen unterschiedliche Positionen innerhalb der Länder selbst. Es wird gerungen um die Verfügung über Archive, Denkmäler und Museumsbestände. 2: Der Weg in die Unabhängigkeit ist in den Ex-Kolonien ein wichtiges Element der offiziellen Erinnerungspolitik. Fast überall ist der Unabhängigkeitstag der wichtigste offizielle Feiertag (manchmal gibt es darüberhinaus einen ganzen Kalender von Unabhängigkeits-orientierten Gedenktagen). Vielerorts entstand ein Kanon von Nationalhelden, der allerdings stark variieren kann: Vom „Vater der Nation“ bis zur Befreiungsarmee. 3: Die zeitliche Umsetzung passierte schneller oder langsamer und auch die grundlegende Bewertung von ähnlichen kolonialen Regimes konnte stark auseinanderklaffen; so konnte das japanische kolonialistische Regime in Südkorea als verwerflicher Kolonialismus, in Taiwan aber (teilweise) als hilfreiche „Modernisierung“ angesehen werden. 4: So sehr Kolonialismus in einer Geschichte des Rassismus nicht fehlen darf: Rassismus und Ausländerhass reichen viel weiter zurück als die Dekolonisation. 5: Bei den Erinnerungsdebatten kann man den Eindruck gewinnen, dass sie sich (in den Metropolen) mit größerem zeitlichen Abstand zur kolonialen Vergangenheit um so breiter entfalten. 6: Aber in der Debatte über die Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte für das Schicksal ihrer früheren Herrschaftsgebiete mangelt es bis heute an Vorschlägen und besonders Umsetzungen zur substantiellen Wiedergutmachung!
(3.1.26)
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