VI. Ideen und Programme (& Dekolonisation) (105 – 114)

1) Vom Ökonomie- und Politik-„Himmel“ wechseln wir hier in die Welt der Ideen und „Diskurse“, die in einen längeren Teil zum „dekolonisatorischen Denken“ (1) und einen kürzeren Teil zum Denken für ein „postkoloniales“ Zeitalter (2) unterteilt ist.

2) Während sich für kolonialistisches Denken bei aller Vielfalt einige gemeinsame Motive identifizieren lassen (s. den Band Kolonialismus der Autoren/S. 112-117), erreicht das Denken der Dekolonisation einen Grad an Vielstimmigkeit, der dies beinahe unmöglich macht.

3) Die nachfolgende Personen-Gala zum Kontext dürfte das auch andeuten: Sie ist chronologisch nach dem Geburtsjahr geordnet: Alle stehen für spezifische Richtungen: Dschamal ad-Din al-Afghani (1838-1897) (1). Sun Yat-sen (1866-1925). Mahatma Gandhi (1869-1948). Marcus Garvey (1887-1940). Jomo Kenyatta (188x/189x-1978). Ho Chi Minh (1890-1969). Antonio Gramsci (1891-1937). Alfred Sauvy (1898 – 1990). Sukarno (1901-1970). Leopold Senghor (1906-2001). Aimé Césaire (1913–2008). Georges Balandier (1920-2016). Franz Fanon (1925-1961). Edward Said (1935-2003) (14).- Zu allen diesen Personen finden sich Angaben in diesem Kapitel – natürlich unter extremer Platznot abgefaßt. Wer vertiefen will, dem empfehle ich zuerst bei Wikipedia nachzugucken, anschließend beim Google KI-Modus (nach der Wikipedia-Vororientierung dürften sie auch gelegentliche KI-„Halluzinationen“ erkennen können).

4) Der Hauptteil dieses Kapitels besteht aus 4 inhaltlichen Unterteilungen:

I) Die „Naturalisierung der Dekolonisation“: Was (zum Teufel) soll das sein? Eine Perzeption war die kolonialistische, die in einer Welt ohne nahes Ende des Kolonialismus lebte. Eine dekolonialistische sah das nicht nur kraß entgegengesetzt, sondern den Dekolonialismus als einen historischen Normalprozeß (der von Naturprozessen nicht weit entfernt gedacht wurde), von daher „Naturalisierung“ (trotzdem: Gibt es nicht eingängigere Begrifflichkeiten? Alternativ: Diese Begrifflichkeit neu dazulernen!) Das Zitat vom britischen Premierminister Macmillan vom „wind of change“, den er durch Afrika 1960 wehen sah, paßt in diesen Kontext.

II) Spielarten von „Souveränität“: 1. Hier haben wir es mit einem besonders sonderbaren, aber weitestverbreiteten intellektuellen gemeinsamen Fluchtpunkt (ungeachtet des breiten Spektrums der materiellen zugrundeliegenden Realitäten) zu tun – dem Konstrukt des „souverän“ gedachten Nationalstaats. 2. Ihm tat es scheinbar auch keinen besonderen Abbruch, wenn er zusätzlich durch zahlreiche Überbackungen relativiert wurde wie durch diverse Pan-Bewegungen (z.B. Pan-afrikanische) (oder durch „Balkanisierungsprozesse“ unterhöhlt wurde). 3. Auf der anderen Seite schien es auch immun gegenüber dem Umstand zu sein, dass die meisten territorialen Grenzziehungen von kolonialer Seite vorgenommen worden waren, die in vielen Fällen die genauen Bedingungen vor Ort nicht besonders interessierte (oder kannte). 4. Dieser Vorgang war eingebettet in das „nationalistische Orchester“, das verstärkt von der Mitte des 19. Jahrhunderts von Europa ausgehend fast die ganze Welt infizieren sollte. 5. Die Verabsolutierung von Souveränität erfolgte ausgerechnet in einer Zeit, in der das Sicherheitsgehäuse des Staates durch die potenziele Allgegenwart der Raketenbedrohung verschwand.

III) Kolonialismus als historische Situation: 1. Im Konzept der „kolonialen Situation“ wird Wert auf die Erfassung der Totalität dieser Situation gelegt – als übergreifendes Herrschaftsverhältnis (Kolonisator vs. Kolonisierter) – unter Berücksichtigung der sozialen und psychischen Totalität. 2. Einige fokussierten auf eine umfassende Pathologie der kolonialen Situation (Stichworte sind Entzivilisierung und Verrohung). Dabei wurde die Dekolonisation auch als ein Mittel zur Rettung Europas bzw. der (individuellen) Therapie dargestellt. 3. Am stärksten griffen die Psychopathologie des Kolonialismus und die politische Praxis bei Fanon ineinander. Theoretisch verband er klinische Analyse, Psychoanalyse, Marxismus und Existenzialismus miteinander. Im Kontext des Algerienkriegs wurde für ihn der revolutionäre Kampf zum einzigen Weg aus der psychischen Deformation.

IV) Die „Dritte Welt“: Der Begriff wurde 1952 vom französischen Demografen Alfred Sauvy geprägt. Er lehnte sich dabei an den „Dritten Stand“ (das einfache Volk) der Französischen Revolution an (als 1. Welt wurden dabei westliche kapitalistische Industriestaaten, als 2. Welt die „kommunistischen“ Staaten des Ostblocks gesehen). Der Begriff blieb gut drei Jahrzehnte lang einflußreich. Das Konzept wurde zum Gegenstand einer eigenen Forschungsdisziplin mit eigenen Methoden und Institutionen. Zweitens wurde es zu einem revolutionären (politischen) Konzept, das die III. Welt einem „imperialistischen, ausbeuterischen und hinfälligem Westen“ entgegenstellte.

5) Denken für ein „postkoloniales“ Zeitalter? Nach der Veröffentlichung von Edward Saids „Orientalism“ (1978) sind die „postcolonial studies“ in den 1980er und 1990er Jahren als ein eigenständiges akademisches Feld entstanden. Sie haben inzwischen den Status einer Art Sachwalter antikolonialer Eurozentrismuskritik erlangt. Weitere Großtheoretiker hören auf die Namen Bhabha und Spivak. Sie sind im Wesentlichen ein akademisches Phänomen geblieben. Ein zentraler Ausgangspunkt ist die These, dass auf die politische und ökonomische keine Dekolonisation des Wissens und Denkens erfolgt sei. Jenseits der Feststellung ihrer Unvollständigkeit gibt es keine belastbare postkoloniale Theorie der Dekolonisation.

(28.12.25)


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