V. Weltpolitik (& Dekolonisation) (95 – 105)

1) Ein Kurzüberblick zum Kapitel: 1: Zuerst geht es um die Supermacht USA und ihr Lager (I) sowie um die Supermacht SU und ihr Lager (II), sodann um die Blockfreienbewegung (III) und kurz zusätzlich um einige „Sonderfälle“ wie China, Südafrika und den Iran (IV). 2: Der schwieriger zu greifende Nord-Süd-Konflikt wird anschließend diskutiert. 3: Das Verhältnis von 1: und 2: zueinander und zur Dekolonisation wird thematisiert. 4: Ein Kurz-Panorama der Periode des Kalten Kriegs wird entrollt. 5: Das Kapitel wird mit Überlegungen zu Elementen einer neuen Ordnung beendet.

2) Das dürfte das 1. Kapitel im Büchlein sein, das sich nicht auf die Territorien beschränkt, die bei der Dekolonisation ins Spiel kommen, sondern vollumfänglich global ansetzt.

3) Das Spektrum der Akteursgruppen ist enorm; man hätte das nutzen können, um methodisch mit vielen Perspektivenwechseln zu arbeiten. Aber die dichotomistische Wahrnehmung des Kalten Kriegs bleibt das zugrundeliegende Basis-Paradigma.

4) 2 Supermächte im Vergleich: 1: Es ging im neuen Zeitalter nicht mehr um Weltmächte, die „Weltpolitik“ machen, sondern um Supermächte mit atomaren Massenvernichtungswaffenarsenalen, land- und see-gestützten Trägersystemen mit interkontinentaler Reichweite, so daß sie bald jeden Punkt der Erde erreichen konnten – es hatte sich ein „Gleichgewicht des Schreckens“ herausgebildet. 2: In der subatomaren „taktischen“ Kriegführung kamen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert viele Millionen Menschen um. 3: Heute geht man davon aus, dass die SU im WW2 ca. 27, die USA mehr als 0,4 Millionen Menschenopfer zu beklagen hatten. 4: Churchill begann in 5/45 ein streng geheimes Projekt (Operation Unthinkable/erst 1998 deklassifiziert), das klären sollte, ob der Start von WW3 zum 1.7.45 gestützt auf GB- und US-Trupen ergänzt durch wiederbewaffnete deutsche Wehrmacht in Gestalt eines Krieges gegen die SU in Form eines Überraschungsangriffs eine umsetzbare Option sei (vielleicht unglaublich, aber wahr!). 1946 rief er sogar öffentlich zum US-Atomwaffeneinsatz gegen die SU auf. Auch in den USA gab es solche Ultra-Extremisten, aber der Bruch zwischen den USA und der SU sollte erst 1947/1948 durch die US-Seite erfolgen. 5: Weltreiche: Das Britische Empire war das einzige globale Kolonialreich vor dem der USA. Während sich die USA nach WW1 schließlich wieder zurückzogen, machten sie nach WW2 das krasse Gegenteil: Heute geht man davon aus, dass die USA außerhalb der USA 750+ militärische Stützpunkte betreiben. Die SU war zu keinem Zeitpunkt wirklich global militärisch präsent; China hat heute einen solchen Stützpunkt (in Dschibouti). 6: Die USA versuchten sich explizit vom Britischen Kolonialismus abzusetzen – sozusagen als (wenn überhaupt) einem Kolonialismus erkennbar deutlich schwächerer Ausprägung. 7: In Jalta (2/45) versprach Stalin den Westmächten, 3 Monate nach Ende der Kampfhandlungen in Europa (8.5.45) in den Krieg gegen Japan einzutreten und er hielt diese Abmachung präzise ein. Am 8.8.45 erklärte die SU Japan den Krieg und am 9.8.45 begann eine sowjetische Großoffensive, die die japanischen Besatzer-Truppen auf dem ostasiatischen Festland binnen kürzester Zeit besiegten. Das US-Atombombenabwurfstiming war so, dass die 1. Atombombe am 6.8. und die 2. am 9.8.45 abgeworfen wurde. Dieses US-Timing sagt unheimlich viel aus – aber wo ist das adäquat analysiert worden?

5) Ausgewählte Sonderthemen:

1: OPEC: https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder: Ein Sonderfall war die monopolistische Preispolitik der OPEC, in der sich viele Erdöl-produzierende Länder (seit 1960) zusammengeschlossen hatten. Das führte quasi zu einem der gravierendsten Eingriffe des „globalen Südens“ in den Reichtum des „globalen Nordens“.

2: Der Vietnamkrieg war untypisch: Es war der Krieg eines sehr großen und reichen Landes (den USA) gegen ein ziemlich kleines und armes Land (Vietnam), es war kein Beispiel für einen weltrevolutionären Aufstand, sondern eher für den klassischen Abwehrkampf eines werdenden Nationalstaats gegen eine Aggression von außen. Er alleine war ein starkes Argument, um die Periode des antikolonialistischen Kampfes mindestens bis auf 1975 hinaus zu datieren.

3: Japan: Stürzten sich 1944/1945 noch zahlreiche (30 bis 50 Tausend lt. Google KI-Modus) Japaner in den Tod, um der US-amerikanischen Herrschaft zu entgehen, so konvertierte trotzdem Japan in atemberaubendem Tempo zum „US-amerikanischen unsinkbaren Flugzeugträger Nr. 1“ in Ostasien. Mir scheint, dass dieser historische obskure ultraschnelle Umorientierungs-prozeß sowohl in Japan selbst als auch im Westen selbst als auch generell (bislang) zu wenig analysiert worden ist.

4: Korea: Die Situation in SO- und Ost-asien war seit dem Zusammenbruch des militaristischen Japan 1945 so, dass sich als kommunistisch verstehende Kräfte dort vielerorts auf dem Vormarsch waren. Am 1.10.49 verkündete Mao Zedong die Gründung der Volksrepublik China, ein Fakt, der von globalhistorischer Bedeutung war. Seit 1946 führten die vietnamesischen Kräfte unter Ho Chi Minh den antikolonialistischen Krieg, den sie 1975 schließlich weitgehend gewinnen sollten. Korea wurde 1945 in einen von sowjetischen Truppen besetzten Nord- und einen von US-Truppen besetzten Süd-teil am 38. Breitengrad geteilt, 1949 zogen beide Besatzer ihre Truppen ab. Beide Teilstaaten beanspruchten ganz Korea für sich. In 7/50 startete Nordkorea einen Überraschungsangriff auf den Süden – der Krieg mutierte schnell zu einem US-amerikanisch-chinesischen (Stellvertreter-)Krieg. Da die atomare westliche Erpressungs-Komponente bei den Autoren keine Erwähnung gefunden zu haben scheint, möchte ich (auch) an dieser Stelle daran erinnern, dass der US-amerikanische Befehlshaber, General Douglas MacArthur, Dutzende von Atomwaffen auf China abwerfen lassen wollte und das selbst auch öffentlich verteidigte (!!/er wurde aber vom US-Präsidenten Truman abberufen).

6) Schluß: Die Dekolonisation hat keine neue internationale Ordnung hervorgebracht. Die Ost-West-Konfrontation blieb bis 1990 als die dominante Grundstruktur der Weltpolitik bestehen.

(21.12.25) (22.12.25)


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