IV. Wirtschaft (& Dekolonisation) (83 – 95)

1) Am Ende der Kolonialperiode stand fast immer die Hinterlassenschaft einer ökonomischen Revolution. Die unabhängigen Regierungen wollten gewöhnlich an diese Modernitätsgewinne anknüpfen. In einigen Ex-Kolonien verfolgte man bewußt sozialistische Programme, was als besonders fortschrittliche Modernitätsvariante angesehen wurde. Die Wirtschaft bot keine Gelegenheit für vorkoloniale Nostalgie.

2) Herrschaftliche Mischverhältnisse: Der koloniale Staat war meist zu schwach, um in den geschäftlichen Alltag einzugreifen. Nicht selten ließ er durch die Gewährung von „Konzessionen“ Souveränitätslücken zu. Großbesitzer herrschten dann de facto uneingeschränkt über große Enklaven. Umgekehrt finden sich nicht viele Beispiele dafür, dass Staaten unter direktem Druck kolonialer Privatinteressen handelten.

3) Die Kolonialmächte versuchten, 3 ökonomische Ziele durchzusetzen: 1. Kostendeckende Organisation. 2. Nach Möglichkeit „drain of wealth“ Richtung Metropole. NL gelang das noch kurz vor WW2 hinsichtlich NL-Ostindien besonders erfolgreich. 3. Überall gab es spezialisierte koloniale und imperiale Firmeninteressen, z.B. in Sachen Schifffahrt (für die Einzelheiten s. S. 88).- Da die konkreten wirtschaftlichen Profile der einzelnen Kolonien extrem unterschiedlich waren, fallen weitgehendere allgemeine Aussagen schwer.

4) Einen besonderen Typus wirtschaftlicher Interessen stellten Siedler dar. Viele Kolonien waren nahezu siedlerfrei. In ganz wenigen Fällen – am deutlichsten in Algerien – gaben Siedler den politisch-gesellschaftlichen Ton an. Das ganze Spektrum ist auch hier breit. Der „typische“ Siedler war ein mit dem Boden in besonderer Beziehung lebender „Landwirt“ (mit sehr kleinen bis zu sehr großen Böden). Siedler leisteten gewöhnlich den größten Widerstand gegen die Aufgabe kolonialer Positionen. Bei ihnen war das Gefühl rassischer Überlegenheit verbreitet. Gleichzeitig gab es eine gewisse Alternativlosigkeit einer Siedlerexistenz (es war nicht einfach, ihr zum großen Teil immobiles Eigentum liquide zu machen und außer Landes zu bringen). Zudem standen ihnen im kolonialen Herrschaftssystem reichlich Kräfte entgegen, die nicht in ihrer Festgewurzeltheit lebten. Siedler sahen sich als besonders geschädigte Opfer von Dekolonisation, und oft waren sie dies auch.

5) Große Konzerne – weniger stark agrarisch gebunden – machten sich schon früh selbständig und traten außerhalb des imperialen Schutzschirms in direkte Verhandlungen mit nationalen Regierungen ein. Gab es diese noch nicht, waren sie überwiegend bei denen, die deren Machtübernahme hinauszuzögern trachteten. Als „ausländisches Kapital“ waren sie ein beliebtes Ziel antikolonialer Proteste. Zudem wußten sie oft nicht, was von den neuen Regierungen zu erwarten war: Reglementierung, Diskriminierung, hohe Steuerforderungen oder sogar Verstaatlichung? Pessimisten bauten ihre Investitionen schon vor dem Ende kolonialer Herrschaft ab.

6) Die „ökonomischen Politiken“ der Kolonialmächte NL, UK und von Frankreich unterschieden sich: 1: In NL resultierte eine besonders enge Verflechtung von Geschäftswelt und Politik in der Linie, gewaltsam (militärisch) an der Kolonie (Indonesien) festhalten zu wollen. 2: In UK war die Verhinderungsmacht der Privatwirtschaft weitaus geringer. 3: In Frankreich liessen sich Politiker wie Charles de Gaulle von kolonialen wirtschaftlichen Interessenvertretern kaum beeinflussen (Vietnam?).

7) Wirtschaftsinteressen haben die einzelnen Dekolonisationen niemals vorangetrieben, sie aber auch nicht nennenswert aufhalten können. Mit dem formalen Souveränitätswechsel erlosch in den seltensten Fällen die wirtschaftliche Präsenz von Ausländern (starke Ausnahme ist die VR China ab 10/49).

8) Anhaltspunkte zur wirtschaftlichen (De)kolonisierungsgeschichte von NL-Ostindien/Indonesien: 1: 1942 wechselte der Status von einer NL- zu einer japanischen Kolonie, NL-Firmen wurden enteignet. 2: 1945 erklärt Indonesien seine Unabhängigkeit, 1949 erkennen die NL das an – und holen ungewöhnlich günstige Konditionen für sich selber heraus. 3: 1957-1959 kam es zu einer faktischen Nationalisierung von NL-Firmen; bis 2003 wurden von indonesischer Seite Entschädigungen an die früheren Eigentümer bezahlt.

9) Koloniale Schuldenpolitik: 1: Die Begleichung der Schulden wird als Voraussetzung für die Anerkennung als Völkerrechtssubjekt gefordert. 2: Schuldenbegleichungsverweigerung wie in Rußland (1917) oder China (1949) kamen für die meisten Länder nicht in Betracht. 3: Indonesien: In Verhandlungen wurde zuerst von 5,9 Mia. Gulden, die die Kolonialregierung dem NL-Fiskus schuldete, ausgegangen, die Summe wurde dann auf 3,5 Mia. gesenkt; bis 1956 hat Indonesien tatsächlich bis auf 171 Mio. $ alles zurückgezahlt (von Entschädigungen für den Kolonialismus lese ich nichts). 4: Indien hingegen hatte für Leistungen im WW2 vom UK mehr als 1 Mia. Pfund Sterling angesammelt. Es dauerte bis 1957, bis Indien die volle Kontrolle über die verbliebenen, inzwischen deutlich reduzierten Sterling-Guthaben erlangte.

10) Die französische Kolonialwirtschaft in Indochina war stark vom Indochinakrieg (1946+), den Frankreich verlieren sollte, geprägt. Nach der Teilung in Nord- und Süd-vietnam (1954) blieb der südliche Teilstaat im Orbit des Westens. Auch hier verlor Frankreich und war beim Importvolumen binnen kurzer Zeit hinter die USA, Japan und sogar hinter die US-Satellitenstaaten Taiwan und Südkorea zurückgefallen.

11) Währungszonen in der kolonialen Welt: 1: Die Franc-Zone wurde 1945 gegründet, war aber nicht sonderlich erfolgreich, allein weil Frankreich selber nach dem WW2 wirtschaftlich lange Zeit nicht sonderlich erfolgreich war. So brach etwa Südvietnam seine Beziehung zur Franc-Zone 1958 ab. Anders sah die Situation in Teilen Westafrikas aus. 2: Von größerer Bedeutung war die Sterling-Zone (Sterling area): Nur im UK gab es schon seit geraumer Zeit so etwas wie eine imperiale Wirtschaftsstrategie, die die wirtschaftlichen Folgen der Dekolonisation abfedern sollte. Nach dem WW2 war der Sterling-Block der größte zusammenhängende Währungsblock der Welt. Andererseits war er auch ein Notbehelf, der die aufpoppende Dominanz des Dollars eindämmen sollte. So suspendierte London 1947 die Konvertibilität des Pfunds – bis 1958. Sie war kein Zwangsverband – eher ein loses Netzwerk – Ein- wie auch Aus-tritt waren keine große Hürde. 1972 wurde sie formell aufgelöst. 3: Der US-Dollar hatte schon längere Zeit „übernommen“. Das UK sah die Rolle des Sterlings fortan als zumeist gefälliger, mitunter auch gestikulierender „Papiertiger“ gegenüber den USA. 4: Heute ist der US-Dollar am Ende seiner „Erfolgsgeschichte“ unübersehbar angekommen. Was kommt nach der 80jährigen US-Dollar-Dominanz? Was werden China und BRICS ausbrüten?

12) Trotz aller Dekolonisation zeigte sich Mitte der 50er-Jahre, dass die USA, Westeuropa und Japan erstrangige globale Wachstumspole der Weltwirtschaft sein würden. 1: Die Staaten im kolonialen oder postkolonialen Bereich mochten ein stetiges Wirtschaftswachstum zustandebringen, aber es war unterhalb des der vorgenannten Staaten normalerweise angesiedelt. Dadurch rutschten viele dieser Ex-Kolonien in ein marginaleres Verhältnis in der Weltwirtschaft als sie es zuvor unter Kolonialbedingungen gehabt hatten. Das war ein in der antikolonialistischen Ideologie durchaus unerwarteteter Befund. 2: Das trug stark zur Bedeutung des übergreifenden Ideals des „eingreifenden (postkolonialen) Staates“ bei, der sich durch die folgenden Elemente auszeichnete: 1. Auf ein Modell sozialistischer, technisch-wissenschaftlicher Prägung konnten sich (oft) fast alle – über viele sonst abweichende Orientierungen hinweg – einigen. 2. Ausländer hatten in diesen neuen Ordnungen bald keinen Platz mehr. 3. Auch die (West-)Konzerne bekamen oftmals ein Problem mit der Souveränität der ehemaligen Kolonialstaaten – hier waren sie oft unterwegs, um ein Spektrum unterschiedlicher Regelungen vertraglich zu vereinbaren.

(10.12.25) (11.12.25)


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