VIII. Kolonialismus und die Vielfalt des Kulturellen (99 – 110)

1) Aspekte von kulturellen Interaktionen: Das Aufeinandertreffen von expansiver westlicher und kolonialer Kultur führte zu sehr unterschiedlichen Resultaten – selten zum völligen Zusammenbruch vorkolonialer Kosmologien, überall aber zu ihrer „Destrukturierung“ in Fragmente (in schwächerer oder stärkerer Form). Auch die westliche Zivilisation hat sich kaum jemals ungebrochen durchgesetzt. Der globale Prozeß der „Verwestlichung“ begann früher als der neuzeitliche Kolonialismus und hält bis heute an und erfaßte auch ebensosehr Länder, die nie westliche Kolonien waren (Japan, Türkei). Er hat die (post)koloniale Welt – wenn wir an Computerisierung, Internetifizierung, Smartphonisierung und AI denken – auch (durchschnittlich) bei weitem stärker verändert als die koloniale Periode selbst.

2) 4 typisierte Resultate von religiösen Interaktionen: Die Interaktionslandschaft auf der religiösen Ebene war der auf der kulturellen Ebene nicht ganz unähnlich. Ich beschreibe jetzt die vorgenannten 4 Resultate (mal sehen, was ich dann noch nicht abgegriffen habe):

(1) Unterdrückung der einheimischen Kulte und Durchsetzung eines staatlich gestützten christlichen Religionsmonopols: Der klassische (katholische) Fall dafür war Mexiko (ab dem 16. Jahrhundert). Die aztekische „Götzendienst“-Priesterkaste wurde gewaltsam und absolutistisch durch den „schrecklichsten Despotismus“ christlicher Mönche ersetzt. Nicht ohne Widerspruch dazu wurden im kulturellen Gepäck aber auch positive europäische neuere Werte wie der individualistische Personenbegriff u.a. mit im Set importiert. Natürlich lebte die indianische Religion bruchstückhaft fort.

(2) Selbst-Christianisierung und Übergang zu einheimischen Kirchen: Wir sind jetzt im protestantischen Afrika und in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts (vielleicht im Folgenden etwas überspitzt gezeichnet). Auch hier spielte Synkretismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Synkretismus), also die Integration von Elementen verschiedener Religionen in einer neuen, eine große Rolle – aber ganz anders als in Amerika: Die afrikanische „personelle Basis“ war in diesem Prozeß von entscheidender Bedeutung. Die Christliche Botschaft eilte gewissermaßen ihren Verkündern voraus. Später wurde diese gesellschaftliche Qualität auch in den Prozeß der Entkolonialisierung gut eingepaßt. (Hier wünschte ich mir noch mehr Vertiefungen).

(3) Stimulierung nichtchristlicher Gegenbewegungen: Jetzt kommen wir zu einem Spektrum, das sich durch übergroße Breite auszeichnet.

  • Im frühen 19. Jahrhundert kam die Disziplin der Religionswissenschaft in Europa auf, die zahlreiche eurozentristisch-chiristianistische Orientierungen erst abstreifen mußte.
  • Ein besonderer Stolperstein ist hier die Kreation des „Hinduismus„: „So sind Begriff und Sachverhalt des „Hinduismus“ als eindeutig identifizierbare und doktrinal beschreibbare „Weltreligion“ dem vorkolonialen Indien fremd: Hinduismus ist nichts „als eine vonr der europäischen Wissenschaft gezüchtete Orchidee““. (104)
  • Erwähnenswert ist noch die Bildung (1926+) einer besonderen vietnamesischen „Sekte“ (Cao Dai), die Konfuzianismus, Buddhismus, Daoismus, Spiritismus, Freimaurertum und manches andere vermengte und mit einer quasi-katholischen Kirchenorganisation verband (105). (Anmerkung: Der Konfuzianismus ist gar keine Religion – jedenfalls nicht im engeren Sinne.)

(4) Selbstbehauptung oder gar Stärkung der bestehenden Ordnung: Hier spielt der Islam eine besondere Rolle: 1: Spezifisch für ihn ist/war: 1. Er missioniert und expandiert selbst. 2. Er hat eine überaus intensive Kontaktgeschichte mit dem Christentum. 3. Er ist gegenüber der Christianisierung im Wesentlichen immun. 2: Die Haltung der christlichen Kolonialmächte war/ist nicht eindeutig: Sowohl oft geschätzter Partner bei indirect rule u.a. (bis heute). Sowohl oft mit Bracchialgewalt bekämpft (auch bis heute; ein historisches Beispiel ist das französische Vorgehen in Algerien). 3: Keine andere Religion hat sich seit dem 19. Jahrhundert dermaßen obsessiv mit dem Westen in einem sehr breiten Spektrum beschäftigt – schreiben die Autoren: Und was ist dabei substantiell herausgekommen?

3) Über das koloniale Schul- und Bildungs-system:

1: Erste Annäherungen mögen die folgenden Daten geben: 1. Im britischen Kolonialimperium spielte eine große Rolle: Kein Geld und auch wenig Bereitschaft hierzu. 2. Die Quote der Niederländisch-Lesenden in Indonesien wird mit 0,32 % (1930) angegeben. 3. Französisch hatte in West-Afrika eine Einschulungsquote unter 4% (1930er-Jahre). 4. Die USA in den Philippinen – der koloniale Schul-Überflieger – hatte 1939 erreicht, dass 1/4 der Bevölkerung englisch sprechen konnten. (Diese Daten würde ich nicht ohne Vorsicht genießen.)

2: Schwer greifbare Konturen: Die Schulträger konnten sein: Missionare, Staaten oder nichtmissionarische private Träger. Die Vermittlungsbereiche reichten von Alphabetvermittlung bis zu Gymnasien. Wieviel Prozent der Unterrichtenden die indigenen Sprachen ihrer Schüler sprachen, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall gab es einen großen Kontrast zwischen Stadt und Land. Die Mißachtung der indigenen Kulturen war Standard.

3: Schulbereiche: 1. Der sekundäre Schulbereich war privilegiert, weil man eine gewisse Zahl von Führungspersonal brauchte, aber er fand nur an wenigen Orten statt; noch seltener war es, dass reiche Leute ihre Söhne nach England schickten (z.B. Nehru aus Indien an die Uni Cambridge). 2. Der primäre Schulbereich wurde extrem stiefmütterlich behandelt, fehlte fast überall (Ausnahme: Die USA auf den Phillippinen).

4: Die postkoloniale Bildung konnte erst den Kampf um die eigene Geschichte aufnehmen. Der Versuch, hier einen nationalgeschichtlichen Identitätskern aufzubauen, schmeckt etwas artifiziell.

4) Welche Unterrichtssprache soll es sein: In der Regel setzten die Kolonialisten ihre eigene Muttersprache gegen alle Widerstände durch. Das Spanische wurde im 16. Jahrhundert (nach/neben dem Portugiesischen) zur lingua franca in großen Teilen der Welt, das Niederländische danach nicht, das Französische wiederum in großen Weltteilen – und die Nummer 1 der Verkehrrsprachen ist seit Jahrhunderten das Englische. Oft waren es besonders die Missionare, die die indigenen Sprachen lernten, um den Schülern dann eine lingua franca beibringen zu können. Eine solche Weltsprache zu sprechen, hat natürlich offensichtliche Vorteile. Mehr als eine oder zwei Sprachen zu vermitteln, darunter auch die die indigene Sprache, scheint in kolonialen Zeiten kein Thema gewesen zu sein.

5) Sprachen – wo geht die Reise im (post)kolonialen Bereich hin: Oft zur Multilingualität! Wo es, wie in Indien und weiten Teilen Afrikas, keine von der Mehrheit verstandene Sprache gab, hielten auch nationalistische Aktivisten am Idiom der Kolonialherren fest. Im Rahmen der Dekolonisation wurde es noch unproblematischer, diese Sprachen (auch) zu benutzen – und reichlich einheimische Schriftsteller publizieren heute (entspannt) in mehreren, darunter Welt- und auch einheimischen Sprachen.

(18.9.25) (19.9.25)


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