VI. Koloniale Wirtschaft (77 – 88)

1) Die Errichtung kolonialer Herrschaft war eines der wichtigsten Mittel, um jenem interkontinentalen Tauschzusammenhang frische Quellen von Naturreichtum und menschlicher Arbeitskraft dauerhaft zu erschließen. Die konkreten Auswirkungen nach Zeit und Raum waren außerordentlich verschieden.

2) Die Kontinuitäten über Dekolonisationen hinweg waren oft stark. Das Ende eines kolonialen Herrschaftsverhältnisses mußte keineswegs die Beseitigung wirtschaftlicher Abhängigkeit nach sich ziehen. Jene Länder der „III. Welt“ (oder des „Globalen Südens“), die selbständig blieben, haben – mit Ausnahme Japans – kein prinzipiell anderes Entwicklungsschicksal erfahren als die Kolonien.

3) Kolonialwirtschaft bedeutete üblicherweise: Steuerhoheit, Außenhandelskontrolle und Währungsstrukturen durch Fremde. Die unterschiedlich ausgeprägte koloniale Besteuerung führte zu Verbreitungsstadien von Geldwirtschaft und Marktbeziehungen.

4) Die Autoren unterscheiden 3 historisch-koloniale Wirtschaftsphasen: Auf die frühneuzeitliche Ära der Monopole (1) folgte etwa zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ein Zeitalter des Freihandels (2), dann eine Spätphase der „managed economy“ (3). (Lenin hat – übrigens – 1915 in seinem bekannten „Imperialismus-Text“ ein ganz anderes geschichtsökonomisches Weltbild vertreten.)

5) 2 postkoloniale Währungspolitiken: Auffällig ist, dass nach der Unabhängigkeit die frankophonen Staaten Afrikas ihre Währungsbeziehungen zu Frankreich aufrechterhielten, während die meisten ehemaligen britischen Kolonien für monetäre Autonomie optierten.

6) Freisetzung von Exportpotentialen war der wichtigste wirtschaftliche Zweck des Kolonialstaates. Das hat zu durchschlagenden Infrastrukturprojekten geführt. Stichworte dazu sind: Leistungsfähige Eisenbahnsysteme (Indien, Java), Kanal- und Bewässerungsanlagen-bau (Indien, Vietnam/Mekong-Delta), Hafenanlagenbau und Dampfschifffahrt, Telegrafennetz (um 1900 waren alle größeren Kolonialzentren von London oder Paris aus erreichbar).

7) Koloniale „Bodenphilosophie„: Da ein großer Teil des Weltterritoriums – bis hin zur Hälfte – lange Zeit unter kolonialen Verhältnissen existierte, liegt es auf der Hand, dass es dort eine riesengroße Zahl von konkreten Bodenverhältnissen gab und ebensosehr eine riesengroße Zahl von Produkten, die dort angebaut wurden.

8) Koloniale unfreie Arbeitsformen gab es in vielen Ausprägungen – bis hin zur Sklaverei. Sie gab es bis zur großen Abolitionsbewegung des 19. Jahrhunderts in allen frühneuzeitlichen Imperien, in der Alten Welt spielte sie in der landwirtschaftlichen Produktion jedoch nirgendwo eine größere Rolle. „Freie Lohnarbeit“ im modernen westlichen Sinne (und auch Gewerkschaften) waren im Kolonialismus nicht anzutreffen. Typischer war ein breites Spektrum von Arbeitsformen zwischen den vorgenannten zwei Extremen (80++).

9) Wer produzierte für den landwirtschaftlichen Weltmarkt? Die Subsistenzwirtschaft nicht, aber es gab Mischformen, die zum Teil schon auch für den Weltmarkt produzierten. Die nomadische Wirtschaft, die weite Territorien erreichte, wird gewöhnlich unterbelichtet. In Amerika war diese Produktion gewissermaßen „built-in from the start“. Eine umfassende Hinwendung zur Produktion für den Weltmarkt setzte in Asien im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und in Schwarzafrika im 1. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ein.

10) 3 landwirtschaftliche Produktionsformen: Bauernhaushalt (1) – Plantage (2) – Farm (3): (1) und (2) sind die leistungsfähigsten Träger der agrarischen Exportökonomie. (1) kann man sich am leichtesten zutreffend vorstellen. (2) ist ein oft weitab gelegener Großbetrieb – mit erheblichen Investitionen in Land, Maschinen und Pflanzen, der von ausländischem Management geleitet wird. Die Existenz von (2) zieht sich durch Jahrhunderte und Kontinente in eigenen Ausprägungen, auf die auch das Produkt selber Einfluß hatte, hindurch. Die afrikanische Farm war nie ein solcher Wachstumsmotor gewesen wie in Nordamerika oder wie die tropische Plantage, mitunter waren sie prekär.

11) Die Rolle der kolonialistischen Industrialisierung war insgesamt von marginaler Bedeutung – es gibt kleinere Ausnahmen und eine größere: Der Bergbau in Südafrika (Gold, Diamanten, Kupfer etc.) (seit dem späten 19. Jahrhundert). Er war hochkapitalisiert und bildete Wachstumsenklaven scharf getrennt von der bäuerlichen Umwelt. (Allein Indien verfügte noch über einen ausbaufähigen industriellen Sektor – 1947+.)

12) Japan war die einzige Imperialmacht, die in ihrem Einflußbereich planmäßig eine industrielle Kolonialwirtschaft aufbaute (Schwerindustrie in Korea und der Mandschurei, Zucker auf Taiwan, Baumwollverarbeitung in Shanghai und im Norden Chinas). Darauf konnte nach der Befreiung aufgebaut werden. Gleichzeitig war es aber auch wohl das repressivste Kolonialregime der neueren Geschichte.

(11.9.25) (12.9.25)


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