1) Was spricht gegen die hergebrachte Methodik, die koloniale Geschichtsschreibung auf die Geschichte einzelner Kolonialreiche zu verengen?
1. Der Wert der Komparation, der neben Unterschieden auch Parallelen und Gleichklänge auffinden läßt (wie die verbreitete Ablösung der Erstkolonisten durch Funktionäre in einer gewissen kolonialen Entwicklungsphase). Die Komparativitätsgewinne sind bis zu dieser frühen Seite im Buch schon ein sehr überwältigendes Argument!
2. Der Kolonialismus stellte über 5 Jahrhunderte einen wichtigen Faktor in einer umfassenderen Geschichte vielschichtiger globaler Vernetzung dar (er verknüpfte dabei Ebenen ohne Ende/S. 29).
3. Diese Vernetzung (oder Ineinanderverknüpfung) verdient noch ein verstärktes Ausrufezeichen: Sie kam in vielen transnational-kolonialen Ausprägungen daher: Schiffsmannschaften, Kolonialtruppen und Missionsgesellschaften waren (oft) aus vielen Nationalitäten zusammengesetzt. Die Pflanzerklasse, die im 18. Jahrhundert die Zuckerinseln der Karibik beherrschte, waren ihrem Ursprung und Weltbild nach pan-europäisch…
4. Der wichtigste Punkt ist aber: Die Kontinuität der übergreifenden Erfahrungen der Kolonisierten, deren „koloniale Situation“. Dieses besonders wichtige Thema wurde natürlich in der euro-zentrischen Darstellungsweise kraß unterbelichtet und dem muß jetzt deutlich entgegengesteuert werden.- Die Herkunft der Kolonisierenden war nicht unwichtig, aber aus ihrer Sicht doch (nur) von sekundärer Bedeutung.
2) Welche kolonialen Geschichtsschreibungs-Paradigmen können wir im Moment vergleichen? Geht es hier mehr um die (theoretischen) Grundansätze?
1. Die traditionale euro-zentrische Geschichtsschreibung: Hier ist die Existenz der (europäischen) Fremden der entscheidende (positive und vielfältig vorwärtstreibende) Tatbestand.
2. In einer 2. Wahrnehmung – besonders post WW2 – in 3. Welt-Zirkeln, oftmals unterstützt von europäischen „neomarxistischen“ Autoren – wird dieses Verhältnis in einen kraß veränderten Wahrnehmungszustand mit umgekehrten Vorzeichen verwandelt: Der Kolonialismus wird hier zum (dämonisierten) Minus-Grund für alles verklärt.
3. Eine weitere Theorie-Linie nimmt die Position ein, der Kolonialismus sei von marginaler Bedeutung gewesen, nur eine Fußnote der Geschichte, die aber für die Zukunft nur beschränkte Auswirkungen habe.
4. Was für Forschungen kommen vom Subjekt der Geschichte des Kolonialismus? Hier finde ich den Bezug auf ein Zitat eines afrikanischen Autors (Ajayi/S. 33/im Jahre 2021) zu wenig. Die Autoren vertreten den Standpunkt, dass es nicht so war, dass die Kolonialherren ein Monopol der Initiative gehabt hätten. Vielmehr gab es hier einen beständigen Kampf, der zu einem breiten Spektrum von Mischungsverhältnissen geführt haben dürfte.
(29.7.25) (30.7.25) (4.8.25)
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