I) Was sollte man im Jahre 2025 vor dem Hintergrund der aktuellen IT-Revolutionen zur Brockhaus-Enzyklopädie in kürzester Form noch schreiben?
1) Der Gründer, Friedrich Arnold Brockhaus (https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Arnold_Brockhaus) (1772 – 1823) begann seine verlegerisch-enzyklopädischen Aktivitäten im engeren Sinne im Jahr 1808; da der Vertrieb der gedruckten Ausgabe erst im Jahre 2014 eingestellt wurde, konnte der „Brockhaus“ auf mehr als 200 Jahre (permanenter) Existenz zurückblicken (https://de.wikipedia.org/wiki/Brockhaus_Enzyklop%C3%A4die).
2) In den ersten Jahrzehnten war der Brockhaus eine reine Textausgabe, ab 1882 (13. Auflage) wurden auch Tafeln, Karten sowie Situationspläne, also auch Bildformate integriert.
3) Laufzeit bis zu einer neuen Auflage: Eine neue Auflage konnte reichlich Jahre, selbst noch in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, in Anspruch nehmen.
4) Die letzte Auflage war die 21. (2005 – 2014). In 30 Bänden mit 24 500 Seiten mit rund 300 000 Stichwörtern und 40 000 Bildern wurde sie zu einem Gesamtpreis von 2 820 Euro verkauft. An dem Werk hatten 70 Fach-, Bild- und Schluss-redakteure sowie tausend weitere Autoren, im Wesentlichen freie Mitarbeiter gearbeitet.
5) Zum Schluß versuchte man sich auch noch multimedial, z.B. mit der Herausgabe einer Audiothek. Wegen solcher Alternativen wie der immer stärker werdenden und kostenlosen Wikipedia war das Geschäftsmodell aber am Ende angekommen.
6) Die Zielgruppe wurde in den ersten Jahrzehnten als die „gebildeten Stände“ auf dem Buch-Cover direkt benannt; aber bis zur Einstellung gab es öfters Auflagenhöhen im (immerhin stattlichen) vierstelligen Bereich. Zwar war der Brockhaus in deutschen Bibliotheken standardmäßig vertreten – aber wer hatte schon das Gesamtwerk für die Hausbibliothek angeschafft? Heute scheint es im Verbund der Stadtbibliotheken des Landes Bremen nur noch ein einziges Exemplar zu geben; vor ein paar Jahren hatte ich selber auf einem Basar der Staats- und Uni-Bibliothek Bremen alle Bände für zusammen 30 € erstanden.
II) Wird Microsoft Encarta, eine digitale multimediale Enzklopädie (1993+) überlebensfähig sein?
1) Quelle bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Microsoft_Encarta. https://en.wikipedia.org/wiki/Encarta.
2) Quellen für die Inhalte von Encarta: Grundsätzlich war der Ansatz, Verträge mit Print-Enzyklopädie-Rechteinhabern zu schließen. Der 1. Ansprechpartner, Britannica, lehnte aber ein solches gemeinsames Projekt mit Microsoft ab. Viele Artikel basierten auf denen der ehemaligen Funk-and-Wagnalls-Enzyklopädie sowie der Collier’s Encyclopedia, deren Online-Rechte Microsoft 1998 erworben hatte.
3) Bei den Inhalten war ein Paradigmenwandel nicht besonders ausgeprägt – höchstens bei den Inhalten mit engerer IT-Bindung, bei Audio und Video und den Inhalten neueren Datums (vielleicht).
4) Sie war CD- und/oder DVD-basiert, teils auch Internet-basiert. Voraussetzungen waren also ein 5 1/4-Zoll-Computerlaufwerk bzw. Internet-Zugang.
5) In puncto Transportabilität war das im Vergleich zur ziemlich immobilen Print-Enzyklopädie ein gigantischer Fortschritt.
6) Mit den 4 Ebenen (Text, Bild, Audio und Video) gab es von Anfang an keine unüberwindbaren Probleme.
7) Die Erscheinungsweise war jährlich – das war ungleich besser als (langjährig) bei Print – aber schlechter als bei dem, was sich danach durchsetzen sollte.
8) Multilingualität: Ein weiterer gewaltiger Fortschritt war die größere Leichtigkeit, Versionen in verschiedenen Sprachen herauszugeben (insgesamt aber nur weniger als 10). Dazu wurden entsprechende Sprachredaktionen eingerichtet, die natürlich einen nicht unerheblichen Kostenfaktor darstellten. Die Sprachversionen mußten inhaltlich keineswegs identisch sein.
9) Preise: Obwohl der 1. Preis 1993 $395 gewesen sein soll, fiel er schnell auf knapp unter $100. Öfters war der Preis beim Kauf eines neuen PCs oder Laptops nicht gesondert ausgewiesen, aber inbegriffen. Gegenüber der Wikipedia war auch dieser Preis nicht ansatzweise konkurrenzfähig.
10) Zielgruppe: Die Zielgruppe hatte sich natürlich gegenüber dem Brockhaus dramatisch vervielfacht. Microsoft hat hier leider (offenbar) keine präzisen Angaben beigesteuert, so dass wir auf Schätzungen angewiesen sind: Vermutlich bewegen wir uns hier aber wohl im Millionenbereich.
11) Eine viel kürzere Laufzeitexistenz als Brockhaus: Man hätte annehmen können, dass unter der Verantwortung eines global führenden Softwareunternehmens wie Microsoft und angesichts eines so tiefgehenden, vor allem technischen vorgenommenen Paradigmaschnitts, Encarta ein längerfristig erfolgreiches Projekt werden könnte. Aber 2009, also schon nach 16 Jahren, war das Projekt am Ende.
12) Ein interessanter Aspekt zum Schluß: Die Encarta (als digitales Produkt) hörte 5 Jahre früher auf (2009) als der Brockhaus (als ein Print-Produkt im Wesentlichen) (2014). Waren die Brockhaus-Entscheider weitaus stärker Realitäts-resistent?
(18.12.25) (tbc)
Schreibe einen Kommentar